Gestaltung der richtigen SAP-Ausführungsarchitektur
8 Min lesen
Wie Unternehmen die Lager- und Transportabwicklung auf SAP LGM, SAP EWM und SAP TM abstimmen – und warum es keine Einheitslösung mehr gibt.

Warum die Logistikabwicklung neu gedacht werden muss
Lager- und Transportprozesse zählen zu den komplexesten Bestandteilen moderner Supply Chains. Steigende Kundenerwartungen, kürzere Lieferzyklen, Omnichannel-Modelle und volatile Transportmärkte erhöhen den Druck auf Unternehmen, ihre Logistik nicht nur effizient, sondern auch flexibel und skalierbar zu gestalten. Gleichzeitig zeigt die Praxis, dass nicht jeder Standort, jedes Lager oder jedes Transportnetzwerk den gleichen Grad an Systemkomplexität oder Optimierung benötigt.
Historisch folgten viele SAP-Logistikprogramme einem „One-size-fits-all“-Ansatz und rollten hochkomplexe Systeme über alle Standorte hinweg aus. Die Folge waren häufig lange Implementierungszeiten, geringe Nutzerakzeptanz und unnötig hohe Kosten – insbesondere in kleineren oder regionalen Einheiten, wo diese Komplexität wenig Mehrwert brachte.
Dieses Muster gerät heute unter Druck: Erstens erreichen klassische SAP-Module wie LE-WM und LE-TRA das Ende ihres Lebenszyklus. Zweitens hat SAP mit SAP Logistics Management (LGM) eine neue Lösung eingeführt, die seit Q1 2026 allgemein verfügbar ist und als cloud-native Anwendung auf der SAP Business Technology Platform bereitgestellt wird. Erstmals bietet das SAP-Portfolio damit eine echte Execution-Lösung unterhalb der SAP EWM-Komplexität an.
Moderne SAP-Architekturen verfolgen also einen anderen Ansatz. Die Ausführungssysteme werden bewusst auf die betriebliche Komplexität, das Versand- oder Auftragsvolumen sowie den Reifegrad der Organisation abgestimmt. SAP LGM, SAP Extended Warehouse Management (EWM) und SAP Transportation Management (TM) sind als Bausteine innerhalb einer mehrstufigen Ausführungsarchitektur positioniert.
Differenzierung im SAP-Logistikportfolio
SAP adressiert heute unterschiedliche Komplexitätsstufen entlang der Supply Chain. Während manche Standorte als hochautomatisierte Mega-Hubs mit Millionen an Aufträgen pro Jahr agieren, fungieren andere als regionale Distributionszentren mit standardisierten Abläufen. Gleiches gilt für Transportnetzwerke – von regionalen Verkehren bis hin zu globalen, multimodalen Systemen.
Diese Realität spiegelt sich im Portfolio wider:
- SAP Logistics Management (LGM): für operative, regionale Ausführung mit standardisierten Prozessen
- SAP Extended Warehouse Management (EWM): für komplexe, automatisierte Lagerumgebungen
- SAP Transportation Management (TM): für strategische, globale Transportplanung und -optimierung
SAP EWM ist in mehreren Varianten erhältlich: SAP EWM Basic, das in der S/4HANA-Lizenz enthalten ist; SAP EWM Advanced, das als „Embedded“ oder „Decentral“ bereitgestellt wird. Dies ist relevant für die Debatte um LGM versus EWM, die nicht so eindeutig entschieden ist, wie es die Darstellung von SAP vermuten lässt. EWM Basic ist bereits durch die bestehende S/4-Lizenzierung abgedeckt, während LGM eine separate Lizenzierung erfordert. Das TCO-Argument für LGM beruht auf seiner SaaS-Architektur: kein Basis- oder Verwaltungsaufwand, automatische Updates alle zwei Wochen, keine zu erwartenden Infrastruktur-Betriebskosten, die bei S/4-integriertem EWM weiterhin anfallen.
Die zentrale Herausforderung für Unternehmen besteht nicht darin, sich für eine Lösung zu entscheiden, sondern eine integrierte Architektur zu entwerfen, in der diese Lösungen zusammenarbeiten – und zu verstehen, was der Betrieb der einzelnen Komponenten tatsächlich kostet, nicht nur die Lizenzierung.
SAP Logistics Management: Operative Abwicklung ohne unnötige Komplexität
SAP LGM spielt in dieser Architektur eine zentrale Rolle. Die Lösung wurde speziell entwickelt, um schnell einsetzbare, cloudbasierte Abwicklungsfunktionen für Lager- und Transportabläufe bereitzustellen, ohne die Komplexität, die typischerweise mit Systemen der Enterprise-Klasse verbunden ist. Sie wird als SaaS-Lösung auf der SAP Business Technology Platform bereitgestellt und verfügt über eine API-First-Architektur, einen zweiwöchigen Release-Zyklus sowie eine Fiori-basierte Benutzeroberfläche. Der integrierte KI-Copilot SAP Joule unterstützt bereits heute die Navigation und Datenabfragen; die Roadmap deutet auf eine operative, agentenbasierte Entscheidungsunterstützung in den kommenden Releases hin.
SAP LGM lässt sich derzeit ausschließlich in SAP S/4HANA Private Edition integrieren; dies wird sich in Zukunft ändern, ist aber derzeit eine Voraussetzung. Unternehmen, die S/4HANA Public Cloud oder Vor-S/4-Systeme nutzen, können LGM derzeit nicht einsetzen. Dies ist ein aktueller Zulassungsfilter, der bei allen Architekturgesprächen im Hinblick auf die bevorstehende Roadmap berücksichtigt werden sollte.
Lagersteuerung mit SAP LGM
Im Lagerkontext ist SAP LGM für regionale Distributionszentren, Satellitenlager und externe Logistikdienstleister konzipiert, bei denen Geschwindigkeit, Transparenz und Benutzerfreundlichkeit wichtiger sind als komplexe Optimierungsfunktionen. Zu den typischen Merkmalen gehören:
- Echtzeit-Bestandsübersicht über mehrere Standorte hinweg
- Mobile-First-Ausführung über native Android-Anwendungen, die für Handscanner optimiert sind – dem Standardformat im Lagerbetrieb, nicht für iOS-Geräte für Endverbraucher
- Standardisierte Arbeitsabläufe für Wareneingang, Einlagerung, Kommissionierung, Verpackung und Versand
- Regelbasierte Prozessautomatisierung, einschließlich Einlagerungsstrategien mit festen Lagerplätzen
- Optionale 3D-Lagervisualisierung – nützlich als Layout-Referenz, jedoch nicht als operatives Entscheidungsinstrument. Die gleiche Funktion, mit älterer – weniger nützlicher – Technologie, ist in SAP EWM vorhanden und dient dem gleichen, vorwiegend visuellen Zweck
Anstatt sich auf komplexe Optimierungsalgorithmen zu verlassen, legt SAP LGM den Schwerpunkt auf klare Regeln und geführte Arbeitsabläufe, wodurch manuelle Entscheidungsfindungen reduziert und die Einarbeitungs- und Schulungszeiten erheblich verkürzt werden. Die klarfestgelegte Prozessstruktur von LGM ist eine bewusste Designentscheidung – sie schränkt die Konfigurierbarkeit ein, bietet dafür aber Geschwindigkeit und Standardisierung.
SAP Extended Warehouse Management: Wenn Lager zu Hochleistungsmotoren werden
Während SAP LGM auf Einfachheit setzt, richtet sich SAP EWM an Lager, in denen Umfang, Automatisierung und Durchsatzoptimierung entscheidend für den Geschäftserfolg sind.
Typische Anwendungsfälle sind:
- Zentrale Distributionszentren und Mega-Hubs
- Umgebungen mit hohem Durchsatz
- Standorte mit Materialtransportgeräten, Robotik oder automatisierten Lager- und Bereitstellungssystemen
- Komplexe Anforderungen an die Bestandsverwaltung, wie z. B. die Handhabung von Chargen, Seriennummern oder Gefahrgut
SAP EWM bietet erweiterte Funktionen wie Slotting, Wellenplanung, dynamische Aufgabenverschachtelung und detaillierte Prozesssteuerung. Entscheidungen basieren nicht ausschließlich auf Regeln, sondern kombinieren regelbasierte Strategien mit algorithmischen Optimierungsebenen, die auf Durchsatz, Ressourcenauslastung und Servicelevels abzielen. Die Unterscheidung zwischen regelbasierter und algorithmischer Ausführung ist eine Frage des Ausmaßes, nicht der Art – SAP EWM nutzt beide Ansätze umfassend.
SAP Transportation Management: Strategische Steuerung globaler Netzwerke
Im Transportbereich erfüllt SAP TM eine ähnliche Funktion wie SAP EWM im Lagerbereich. Die Lösung richtet sich an Unternehmen, die komplexe, globale und multimodale Transportnetzwerke betreiben, in denen eine zentralisierte Planung und Optimierung messbare strategische Vorteile generiert.
Zu den wichtigsten Funktionen gehören:
- Multimodale Routen- und Netzwerkplanung
- Frachtkosten- und Tarifmanagement
- Konsolidierung und Simulation von Transportströmen
- Unterstützung für den internationalen Versand und die Einhaltung gesetzlicher Vorschriften
- Strategische Analysen und Szenariomodellierung
SAP TM wird in der Regel von speziellen Transportplanungsteams genutzt und konzentriert sich auf langfristige Kosteneffizienz und netzwerkweite Transparenz, auch wenn dies längere Implementierungszeiten und einen höheren Schulungsaufwand erfordert.
Regelbasierte Ausführung und algorithmische Optimierung
Beide Modi kommen im gesamten Portfolio zum Einsatz. SAP LGM legt den Schwerpunkt auf die regelbasierte Ausführung: vordefinierte, transparente Regeln, die einfach zu konfigurieren und ideal für standardisierte, sich wiederholende Vorgänge sind. SAP EWM und SAP TM erweitern dies um algorithmische Optimierungsebenen – für Slotting, Konsolidierung und Routing –, die auf sich ändernde Bedingungen und Nachfragemuster reagieren. Der Unterschied liegt im Grad, nicht in der Kategorie. Beide Ansätze sind gültig; die richtige Antwort hängt von der betrieblichen Komplexität, dem Durchsatz und davon ab, ob der Optimierungsgewinn den Implementierungsaufwand rechtfertigt.
Das mehrstufige Ausführungsmodell
Die meisten Unternehmen betreiben heterogene Logistiknetzwerke anstelle eines einzigen einheitlichen Modells. Das mehrstufige Ausführungsmodell ordnet jedem Teil des Netzwerks die richtige Ausführungsstufe zu.
Ein typisches Szenario
Stufe 1: Zentrale Hubs
- SAP EWM (Advanced) für leistungsstarken Lagerbetrieb
- SAP TM für zentralisierte Transportplanung und -optimierung
Ebene 2: regionale Distributionszentren, Satellitenstandorte, 3PL-Knotenpunkte
- SAP LGM für eine schnelle, standardisierte Lager- und Transportabwicklung
Dieses Modell stellt sicher, dass Komplexität nur dort zum Einsatz kommt, wo sie einen greifbaren Mehrwert schafft, während regionale Standorte von Geschwindigkeit, Einfachheit und niedrigeren Gesamtbetriebskosten profitieren.
Transparenz über verschiedene Systeme hinweg
Es wird häufig angenommen, dass der Einsatz mehrerer Ausführungssysteme zwangsläufig zu Silos führt. Moderne SAP-Architekturen können dies abmildern – allerdings nur mit entsprechendem Aufwand. LGM wird mit nativen Dashboards ausgeliefert, die auf SAP Build Work Zone basieren. Eine einheitliche operative Sicht über LGM, EWM und TM hinweg ist nicht standardmäßig vorhanden. Sie erfordert eine kundenspezifische Integration – in der Regel realisiert auf der BTP, unter Verwendung von Daten aus BN4L und konsolidiert über die SAP Analytics Cloud. Das Ergebnis ist erreichbar, aber es handelt sich um eine Architekturentscheidung und ein Implementierungsprojekt, nicht um eine einfache Konfigurationsänderung.
Time-to-Value als Entscheidungskriterium
In dynamischen Märkten geht es nicht nur darum, was ein System leisten kann, sondern auch darum, wie schnell es messbaren Nutzen bringt.
SAP LGM ermöglicht technisch schnelle Inbetriebnahmen: Dank der standardisierten, klar definierten Prozessstruktur sind aus systemtechnischer Sicht wochenlange Implementierungen realistisch. Die organisatorische Bereitschaft folgt jedoch einer anderen Kurve. Prozessworkshops, Change Management, Stammdatenaufbereitung und Schnittstellenanpassung verlängern in der Regel die Gesamtprojektdauer.
SAP EWM und SAP TM erfordern in der Regel längere Implementierungsphasen, bieten jedoch erhebliche langfristige Erträge, wenn Umfang und Komplexität die Investition rechtfertigen.
Mit zunehmender Reife von LGM erwarten wir, dass sich ein schrittweises Modernisierungsmuster herausbildet: Unternehmen nutzen LGM als Einstiegspunkt und fügen EWM oder TM hinzu, wo die Komplexität dies rechtfertigt. Derzeit handelt es sich hierbei um eine Roadmap-Erwartung und nicht um dokumentierte Praxis – das Produkt ist seit Q1 2026 allgemein verfügbar.
Architektur statt Tool-Auswahl
Die eigentliche Frage lautet nicht: „SAP LGM oder SAP EWM oder SAP TM?“ Die richtige Frage ist vielmehr: Welche Ausführungsintensität benötigt jeder Teil meines Logistiknetzwerks – heute und in den nächsten drei Jahren?
SAP LGM bietet eine Grundlage für die regionale Ausführung, während SAP EWM und SAP TM eine tiefere Optimierung ermöglichen, wo Automatisierung und Skalierbarkeit wirklich entscheidend sind. Zusammen bilden sie eine mehrstufige SAP-Ausführungsarchitektur – vorausgesetzt, die architektonischen Voraussetzungen sind gegeben und das Unternehmen hat realistische Vorstellungen davon, was der Betrieb jeder Ebene kostet, nicht nur die Lizenzierung.
Get to know our authors

Sebastian Gafinen
Director, Körber Supply Chain Consulting
Sebastian Gafinen ist verantwortlich für die Entwicklung von Beratungsangeboten und Prozesslösungen der nächsten Generation im Bereich SAP EWM und Lagerlogistik. Mit mehr als 20 Jahren Erfahrung in der IT-Branche und über 13 Jahren in der Supply-Chain-Beratung verbindet Sebastian strategische Visionen mit praktischer operativer Expertise. Seine Schwerpunkte liegen auf der Digitalisierung, der Vereinfachung von Prozessen und der Unterstützung von Kunden beim nächsten logischen Schritt in ihrer Entwicklung.
Weitere Artikel, die Sie interessieren könnten:

Kontaktieren Sie uns
Lassen Sie uns über zukunftsfähige Lösungen für Ihr Unternehmen sprechen.
Experten kontaktieren

