Foto der Hauni-Mitarbeiter Karsten Barsch, Christian Junge und Nina Gröncke vor einer Maschine, dem Multi-Segment-Maker

Tabak

Mit Sprints zu Innovationen

Flexibel, schnell und konsequent kundenorientiert: Hauni hat die Produktentwicklung neu ausgerichtet und in Rekordzeit den wegweisenden Multi Segment Maker (MSM) geschaffen.

Da steht er nun. Ein riesiger, länglicher Schrank aus Metall, zahllose trommelförmige Walzen hinter durchsichtigen Türen, oben läuft ein schlankes Förderband, das die Tabaksticks transportiert. Neben dem MSM steht ein Flipchart, auf Karteikarten sind die nächsten Arbeitsschritte notiert. Viele Male stand Karsten Barsch im vergangenen Jahr hier beim Shopfloor-Meeting mit dem Team: Monteure, Entwickler, Einkäufer, die über Arbeitsstände und Projektfortschritte diskutieren. „Dass alle regelmäßig an der Maschine zusammenkommen, war eine tolle Erfahrung – es macht extrem Spaß, so zu arbeiten“, sagt Barsch. Als Projektleiter Secondary ist es seine Aufgabe, die Produktion der MSM-Maschinen zu steuern, die 2019 ausgeliefert werden sollen. Jede wurde individuell aus dem Baukastensystem für die jeweilige Anwendung des Kunden konfiguriert.

Nüchtern formuliert, vereint ein Multi Segment Maker die grundlegenden technologischen Eigenschaften einer Protos-M und eines Filtercombiners KDF 5MF. Die Fähigkeiten verschiedener erfolgreicher Maschinentypen werden also in einem flexibel einsetzbaren Modell kombiniert. Denn der wichtigste Nutzen für Kunden ist das modulare Konzept des MSM: Es bietet die Möglichkeit, die Maschine an alle unterschiedlichen Kundenprodukte anzupassen und spezielle Anforderungen zu ermöglichen, etwa zusätzliche Inspektionsschritte. „Kunden können so schneller auf Entwicklungen am Markt reagieren: Ändern sich die Wünsche der Konsumenten, kann der MSM entsprechend umkonfiguriert werden“, sagt Barsch

Foo von Karsten Barsch, zuständig für den Auftragserfüllungsprozess, im „Atlas“-Raum von Hauni in Hamburg-­Bergedorf
Karsten Barsch, zuständig für den Auftragserfüllungsprozess, steuert die Produktion der MSM-Maschinen. Im „Atlas“-Raum von Hauni in Hamburg-Bergedorf wird der Projektstatus regelmäßig abgeglichen.

Der Markt wird kleinteiliger

Der MSM ist eine von vielen zukunftsweisenden Antworten von Hauni auf die Umbrüche in der internationalen Tabakindustrie. Stand viele Jahrzehnte vor allem die Steigerung der Produktionsgeschwindigkeit im Mittelpunkt, wird der Markt seit einigen Jahren kleinteiliger und heterogener. „Next Generation Products“, also E-Zigaretten oder „Tobacco Heating Products“ (THP), bei denen Tabak nicht verbrannt, sondern erhitzt wird, ergänzen das Angebotsspektrum – auch der MSM produziert THP-Sticks. Wohin genau sich die Vorlieben der Konsumenten künftig entwickeln, ist noch offen – daher müssen die Hersteller flexibel reagieren. „Das bedeutet für uns: frühere und engere Abstimmung mit unseren Kunden und höhere Anpassungsfähigkeit unserer Maschinen“, betont Barsch.

Portrait of Scrum Master Andreas Plump.
Andreas Plump, Scrum Master.

Vom unternehmerischen Denken des Firmengründers Kurt A. Körber zeugen die gepflegten Backsteingebäude und gigantischen Werkshallen von Hauni im Hamburger Stadtteil Bergedorf bis heute: ein Ort stolzer Tradition, die auf Erfindergeist fußt. Der MSM ist das aktuelle Beispiel für die gewissermaßen in die Unternehmens-DNA eingeschriebene Kundenorientierung und Innovationskraft: In Rekordzeit entwickelt, bietet er Kunden nicht nur eine neue Dimension an Flexibilität – das Projekt steht auch stellvertretend für neue, nochmals agilere Arbeitsmethoden und Prozesse in der Produktentwicklung des Unternehmens. Dazu braucht es ein schrittweises, fachfunktionsübergreifendes Vorgehen: Nachdem ein Entwicklungsteam rund um Dr. Hans-Heinrich Müller die Grundlagen für modulare Maschinen erarbeitet hatte, waren von Anfang an alle erforderlichen Funktionen eingebunden. Gearbeitet wurde mit agilen Methoden: täglichen Shopfloor-Meetings, Sprints und kleinen Teams, die ihre Aufgaben selbstständig organisieren. Gesteuert vom MSM-Product-Owner-Team, mit regelmäßigen Abstimmungen im Scrum-Projektraum, in dem die Aufgaben für die jeweiligen Sprints festgelegt wurden.

Die Kombination aus klaren Zielen und selbstständigem Arbeiten fördert Eigenverantwortung und Motivation.

Andreas Plump, Scrum Master

„Agile Arbeitsweisen wie Scrum machen Funktionsbereiche durchlässiger und intensivieren die Kommunikation zwischen den Abteilungen“, erläutert Andreas Plump. Als Scrum Master und Agile Coach entwickelt er mit seinen Kollegen die für die Projekte notwendigen Prozesse und Strukturen. Er sorgt dafür, dass die Teams ungehindert arbeiten und Informationen optimal fließen können (siehe Kurzinterview). Weitere Rollen bei der Anwendung von Scrum sind das Entwicklerteam und der Produktverantwortliche (Product Owner), der unter anderem die Kundenanforderungen an das Entwicklerteam weitergibt.

Detailaufnahme der Fertigung des Multi-Segment-Makers, einer Maschine für die Zigarettenproduktion
Zukunftsfähig: Der MSM wurde in Rekordzeit entwickelt.
In einer geöffneten Maschine, dem Multi Segment Maker, sind Zahnrad-Walzen zu sehen.
Walzen im Multi Segment Maker: Das modulare Konzept bietet die Möglichkeit, den MSM individuell an Kundenwünsche anzupassen.

Die Wände des Scrum-Raums sind übersät mit Klebezetteln in unterschiedlichen Farben, auf denen gewünschte Sprintergebnisse und Aufgaben notiert sind. Mehrmals pro Woche kommen die Teams – beim MSM-Projekt waren es sieben – hier zusammen. Andreas Plump, der Maschinenbau studiert hat, achtet in den Koordinationsmeetings auf Ergebnisorientierung und die Einhaltung von Zeitvorgaben; ausufernde Diskussionen über nicht hilfreiche Details bricht er ab. „Die Kombination aus klaren Zielen und selbstständigem Arbeiten fördert sehr stark die Eigenverantwortung und Motivation aller am Projekt Beteiligten“, erklärt er.

Bereits seit einigen Jahren nutzt Hauni in der Maschinenentwicklung die Scrum-Methode, unter anderem auch bei der speziell auf die THP-Produktion abgestimmten Logistiklösung „Ventis“. Gegenüber den herkömmlichen Entwicklungsprozessen, bei denen Fachbereiche ihre Aufgaben unabhängig voneinander abarbeiten und erst recht spät zusammenkommen, ist Scrum eine flexiblere, schnellere und iterativere Vorgehensweise: Was passt, wird fortgesetzt – was nicht passt, wird gestoppt.

Konsequent kundenorientiert

In einem sich schnell wandelnden Markt ist Tempo der entscheidende Faktor. Was beim Multi Segment Maker zu einer weiteren Neuerung führte: Erstmals startete der Auftragserfüllungsprozess (AEP), also die Produktion, parallel zur Entwicklung der Maschine. „Wir haben Abläufe, Plätze und Auslieferungsorte neu gedacht“, sagt der AEP-Zuständige Karsten Barsch. Jeden Tag trafen sich Produkt- und AEP-Verantwortliche zur Abstimmung, zwei AEP-Teams arbeiteten mit versetzten Arbeitszeiten von 6 bis 20 Uhr, um die hochgesteckten Ziele zu erreichen. „Alle waren engagiert bei der Sache, weil es immer wieder tolle Erfolge gab, die zeigten, dass sich dieser Ansatz auszahlt“, sagt Barsch. Die inzwischen erprobten neuen Arbeitsweisen werden heute in vielen Projekten angewendet.

Porträtfoto von Nina Gröncke, Projektingenieurin bei Hauni
Konsequent kundenorientiert: Projektingenieurin Nina Gröncke wird die Techniker zu einem der ersten MSM-Kunden begleiten, um wichtiges Kundenfeedback oder erste Änderungswünsche für die Konfiguration einzuholen.

Von der frühen Einbindung profitieren nicht nur die Kunden, sondern auch sämtliche Fachabteilungen. „Wir waren von Anfang an beteiligt, als es darum ging festzulegen, wo welche Prüfsysteme verbaut werden“, sagt etwa Christian Junge, Gruppenleiter für Software-Entwicklung und Sensorsysteme. Sein Team entwickelt die Sensoren, mit denen jede Zigarette oder jeder Stick auf Kapseldefekte, Dichtigkeit oder Fremdkörper geprüft wird. Junge hat den intensiven Austausch mit anderen beim MSM-Projekt sehr positiv erlebt. „Wir haben gemeinsam erarbeitet, wie wir die Zukunftsfähigkeit der Maschine sicherstellen – vom Einsatz neuer Materialien bis zu neuen Inspektionsverfahren.“ Der Platz für Prüfsysteme ist beim MSM jetzt so großzügig, dass weitere Sensoren und Prüftrommeln problemlos eingepasst werden könnten – für Kunden ein zusätzliches Plus an Flexibilität.

Konsequent kundenorientiert: Dieser Gedanke zieht sich durch das MSM-Projekt, von der ersten Idee über die agile Arbeitsweise bis hin zum fertigen Produkt. Und darüber hinaus: Nina Gröncke arbeitet als Projektingenieurin im Technischen Kundendienst. Sie wird die Techniker zu einem der ersten MSM-Kunden begleiten. Intensiv hat sie sich zuvor mit der Maschine vertraut gemacht und alle Details studiert, um die Techniker vor Ort zu unterstützen und eine optimale Lauffähigkeit der Maschine sicherzustellen. Aber auch, um weiteres Kundenfeedback oder erste Änderungswünsche für die Kombination der Module einzusammeln. „Denn die Anregungen der Kunden sind wertvoll“, sagt Gröncke. „Ihre individuellen Bedürfnisse sind es, die zählen.“

Porträtfoto von Dr. Bernd Pape, Head of Digitization im Geschäftsfeld Tabak
„Wir kümmern uns fokussiert ­darum, zunächst die Kundenbedürfnisse zu verstehen und dann dafür die passenden Lösungen zu entwickeln“, sagt Dr. Bernd Pape, Head of Digitization im Geschäftsfeld Tabak.

Agile Methoden in Digitalprojekten

Wie beim Multi Segment Maker (MSM) werden agile Arbeitsmethoden auch in der Digitalisierung angewendet. Besonders bei Projekten zu digitalen Lösungen hat sich das schrittweise Vorgehen bewährt. Etwa im Bereich Smart Factory, wo immer mehr Informationen und Prozesse von Papier auf Monitore und in Datenbanken wandern – oder im Servicegeschäft rund um Wartung und Kundendienst.

Das Ziel dabei ist immer, schneller auf die Bedarfe der Kunden eingehen zu können und so einen größeren Mehrwert zu bieten. „Anstatt Kunden komplett fertig entwickelte Lösungen zu präsentieren, kümmern wir uns fokussiert darum, zunächst die Kundenbedürfnisse zu verstehen und dann dafür die passenden Lösungen zu entwickeln“, sagt Dr. Bernd Pape, Head of Digitization im Geschäftsfeld Tabak.

Dabei hilft auch das Ausprobieren verschiedener Lösungsansätze in dynamischen Umfeldern. Beispiel Additive Fertigung: Das Geschäftsfeld Tabak arbeitet bei diesem Zukunftsthema seit einiger Zeit zusammen mit allen anderen Geschäftsfeldern des Konzerns an einer Lösung, um nah beim Kunden Teile zu drucken. „Als wir mit dem Projekt starteten, war die Drucktechnologie noch nicht auf einem Stand, der uns überzeugte. Trotzdem war es gut, das Projekt zu starten. Hätten wir gewartet, wären wir zu spät gewesen“, sagt Pape.

www.hauni.com

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